Auf dem Zettel in meiner Hand stand in lateinischen Buchstaben die Adresse der Unterkunft, die ich im Internet gebucht hatte: „Dar Warda, La Corniche, Bizerte, Tunesien.“ Dar Warda war der Name des Hauses, Bizerte die Stadt. Also hatte La Corniche der Name der Straße sein müssen. Eine Stunde war ich mit meinem Mietwagen vom Flughafen in Tunis Richtung Norden gefahren, bis ich die Stadt an der Küste erreicht hatte.
Nun stand ich vor dem Eingangstor des Hauses. Vor mir ein weiß gestrichenes Haus mit einer zurückgesetzten, blau gestrichenen Eingangstür. Ich öffnete das Tor und ging darauf zu. Vergeblich suchte ich nach einer Klingel. Lediglich ein Schild mit der Aufschrift „Dar Warda“ konnte ich entdecken. Also klopfte ich schließlich an der Tür. Dreimal. Schnell hintereinander. Ich hörte einen Hund bellen. Dem Anschein nach keinen allzu großen. Kurze Zeit später öffnete sich die Tür.
Eine Frau mit langem, grauem Haar kam zum Vorschein. Sie trug ein rubinfarbenes Gewand, das ihr bis zu den Knöcheln reichte und mit bunten Verzierungen bestickt war. Mit einem freundlichen Lächeln hieß sie mich willkommen.
„Bienvenue, Willkommen im Dar Warda“, sagte sie.
„Hallo“, antwortete ich knapp. Auch weil ich nicht genau wusste, wie ich sonst auf ihren freundlichen Empfang reagieren sollte.
Sie trat einen Schritt zur Seite und ich betrat das kühle Treppenhaus. Es drang nur wenig Licht ins Haus. Die Kühle stand im Kontrast zur Hitze draußen, wo es über vierzig Grad warm war.
„Kommen Sie, ich zeige Ihnen das Zimmer“, hörte ich die Frau hinter mir sagen.
Ich ließ sie an mir vorbeigehen und folgte ihr durch einen Flur, der zu einer weiteren Tür führte, durch die wir das Haus wieder verließen. Die Treppe zum Gästezimmer war nicht im Haus, sondern dahinter. Es war eine massive, weiß geflieste, steile Treppe. Ich hatte nur einen kleinen Koffer dabei. Mit Aufgabegepäck zu reisen, hatte ich schon vor einigen Jahren aufgegeben.
Während mich die Gastgeberin, die sich als Brigitte vorgestellt hatte, zu meinem Zimmer führte, sprachen wir nicht viel. Sie fragte mich lediglich nach meiner Anreise und ob ich schon einmal in Tunesien gewesen sei. Ich war kein Freund von Smalltalk und das schien sie auch zu verstehen, denn noch ehe wir die Treppe erreicht hatten, verstummte unsere Unterhaltung.
Sie öffnete die Tür zu meinem Zimmer mit einem Schlüssel, den sie mir anschließend überreichte.
„Die Klimaanlage lässt sich über das Touchpad an der Wand bedienen. Bitte schalten Sie sie aus, wenn Sie das Zimmer verlassen. Frühstück gibt es zwischen acht und zehn Uhr. Bitte sagen Sie mir vorher, wann Sie kommen möchten“, sagte Brigitte. ehe sie sich mit einem Lächeln verabschiedete. „Acht Uhr. Um acht Uhr würde ich gerne frühstücken“, rief ich ihr hinterher.
Als Brigitte gegangen war, schloss ich die Tür und inspizierte das Zimmer. Ein Bett stand in der Mitte des Raumes. Darauf zählte ich mindestens vier bunte Kissen und zwei Decken. Über dem Bett entdeckte ich die Klimaanlage, die das Zimmer bereits auf angenehme 19 Grad heruntergekühlt hatte. An den Wänden hingen Bilder mit exotischen Motiven: ein verblasstes Bild eines in Turban und wehendem Gewand gehüllten Mannes auf einem Kamel, eine Schwarz-Weiß-Aufnahme wild galoppierender Pferde und eine Fotografie einer jungen Ärztin, die einem dunkelhäutigen Kind eine Spritze in den Arm setzt.
Ich betrachtete das Foto der Ärztin und erkannte sie nach einigen Sekunden: das lange, damals noch aschblonde Haar, das herzliche Lächeln, das mich an der Eingangstür begrüßt hatte. Brigitte. Die europäische Ärztin, die in Afrika Gutes tat. Auf der Buchungsplattform hatte sie in ihrem Profil nicht erwähnt, dass sie Ärztin war. Nur, dass sie ihren Ruhestand in ihrer Wahlheimat Tunesien verbringt und es liebt, Gäste aus aller Welt zu empfangen.
Ich stellte mein Gepäck in eine freie Ecke und setzte mich auf die Bettkante. Dann legte ich mich hin und schlief ein.
Als ich am nächsten Morgen aufwachte, spürte ich ein leichtes Kratzen im Hals. Ich hatte es noch nie gemocht, bei laufender Klimaanlage zu schlafen. Ich richtete mich auf und räusperte mich. Ich schaute auf die Uhr. Es war viertel nach sieben. Ich hatte also noch etwas Zeit bis zum Frühstück, also legte ich mich noch einmal ins Bett und schloss meine Augen.
Ohne noch einmal geschlafen zu haben, stand ich um acht Uhr auf und ging die steile Außentreppe hinunter zum Frühstück. Obwohl es noch früh am Tag war, wärmten die Sonnenstrahlen bereits mein Gesicht. Ich riskierte einen flüchtigen Blick auf das dunkelblaue Meer, ehe ich mich wieder darauf konzentrierte, nicht die steilen und schmalen Stufen hinunter zu fallen.
Als ich im Erdgeschoss angekommen war, sah ich einen gedeckten Tisch an der Hauswand unter einem geöffneten Fenster, durch welches ich Brigitte in der Küche stehen sehen konnte. Es roch nach Kaffee und irgendwelchen Blüten, deren Namen ich nicht kannte, die aber überall zu wachsen schienen.
Als Brigitte mich sah, bat sie mich, an dem kleinen Tisch Platz zu nehmen. Es war für eine Person gedeckt, doch es standen sich zwei Stühle gegenüber. Also setzte ich mich und fragte sie durch das geöffnete Fenster hindurch, ob sie sich nicht zu mir setzen wolle.
Wenige Augenblicke später setzte sie sich mit einer Tasse Kaffee in der Hand mir gegenüber an den Tisch.
„Ich hoffe, Sie haben gut geschlafen?“, fragte sie.
„Ja, sehr gut. Danke.“
„Ich hatte vergessen, Ihnen zu sagen, dass Sie die Klimaanlage besser nicht über Nacht laufen lassen sollten. Leider ließ sie sich nur über dem Bett platzieren, doch die Kälte kann schon einmal für einen steifen Nacken sorgen, wenn sie die ganze Nacht auf einen bläst.“
Sie hatte Recht. Ich fühlte mich ein wenig steif im Nacken.
Ich bedankte mich für den Tipp und trank einen Schluck Kaffee.
„Ich kann Ihnen auch noch ein wenig Käse bringen, falls sie möchten“, sagte Brigitte.
„Ja, das wäre sehr nett“, antwortete ich.
Brigitte stellte ihre Tasse auf den Tisch und verschwand im Haus.
Als sie wieder zurück kam, hatte sie einen bunt verzierten Teller mit verschiedenen Käsesorten dabei.
„Was bringt Sie nach Tunesien? Sie mögen es mir verzeihen, aber Sie wirken nicht wie der typische Maghreb-Sommertourist“, sagte Brigitte mit einem Lächeln, während sie sich wieder setzte.
Sie trank einen Schluck und räusperte sich.
Ich lehnte mich zurück und dachte, dass es nun Zeit war, etwas gesprächiger zu werden.
„Vielen Dank für das Frühstück. Der Kaffee schmeckt ausgezeichnet“, begann ich. Brigitte räusperte sich erneut.
„Nun, ich bin auf der Suche nach einer alten Bekannten. Es war eine lange Suche, doch ich bin mir sicher, sie nun hier in Tunesien endlich ausfindig gemacht zu haben.“
Ein weiteres Räuspern.
„Vielleicht sollten Sie einen Schluck Wasser trinken“, sagte ich.
Ich schenkte ihr Wasser aus der Karaffe ein, die in der Mitte des Tisches stand. Brigitte führte das Glas zum Mund, doch noch ehe sie daraus trinken konnte, bekam sie einen kräftigen Hustenanfall, und das Glas fiel ihr aus der Hand.
Ich schlug die Beine übereinander und griff nach meiner Kaffeetasse. Während Brigitte immer unruhiger wurde, nahm ich einen Schluck.
„Wissen Sie, es war nicht leicht, Sie zu finden“, sagte ich.
Brigitte sah mich mit einer Mischung aus Hilflosigkeit und Überraschung an.
„Brigitte Memminger. Geboren am 18.12.1948 in Stuttgart. Sie sehen, ich habe meine Hausaufgaben gemacht.“
Brigitte versuchte etwas zu sagen, doch sie brachte kein Wort hervor.
„Sparen Sie sich die Energie, Brigitte“, sagte ich.
Ihr Atem ging schneller.
„Das Gift wirkt auch so schon schnell genug. Ich habe es so dosiert, dass Sie mir zumindest noch zuhören können. Oder interessiert Sie gar nicht, was es mit der ganzen Sache auf sich hat?“
Brigitte starrte mich mit aufgerissenen Augen an. Wieder versuchte sie zu sprechen, doch ihre Kräfte schwanden. Es fiel ihr schwer, aufrecht im Stuhl sitzen zu bleiben.
„Sie waren Ärztin. Am Universitätsklinikum in Gießen. Wahrscheinlich erinnern Sie sich nicht an mich. Ich war damals zwölf Jahre alt. Damals, als meine Mutter zu Ihnen kam. So hoffnungsvoll wie nach dem Termin bei Ihnen hatte ich sie lange nicht gesehen. Sie war sich sicher, dass Sie sie retten würden. Den Krebs besiegen.“
Brigitte saß nun zusammengesackt in ihrem Stuhl. Gelegentlich versuchte sie den Kopf anzuheben, ihre Augen zu öffnen. Doch das Gift wirkte. Bald würde sie sterben.
„‚Ich sehe bei Ihnen wirklich eine realistische Chance auf Heilung.‘ Erinnern Sie sich an diesen Satz?“
Ich pausierte einen Moment.
„Wie oft Sie den wohl in Ihrer Karriere gesagt haben? Meine Mutter jedenfalls hat Ihnen geglaubt. Wir alle, unsere ganze Familie, haben Ihnen geglaubt. Und dann? Dann haben wir keinen Termin mehr bei Ihnen bekommen.“
Ich merkte, wie Wut in mir aufstieg. Ich versuchte, sie nicht zuzulassen.
„Und wissen Sie, was das Beste ist? Als meine Mutter gestorben war, kam der Anruf. Es wäre jetzt ein Termin frei.“
Brigitte saß regungslos auf dem Stuhl. Sie war völlig zusammengesackt. Ich fragte mich, ob Sie überhaupt noch bei Bewusstsein war. Es machte mir nichts aus.
Ich hatte gesagt, was zu sagen war.
Draußen hupte ein Wagen.
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